Kosmogene Nuklide
Kosmogene Nuklide (3He, 10Be, 14C, 21Ne, 26Al, 36Cl,78,81Kr) und Fall-out Nuklide (239, 240, 244Pu) haben vielfältige Anwendungen in der Geologie, Geomorphologie und Klimaforschung.
In der Arbeitsgruppe Kosmogene Nuklide und Erdoberflächenprozesse ↗ liegt der Forschungsschwerpunkt auf der methodischen Entwicklung und Anwendung dieser Nuklide für geowissenschaftliche Fragestellungen. Die chemischen Labore sind gegenwärtig für die Präparation terrestrischer Proben zur Analyse von 10Be, 26Al, 36Cl und 239, 240, 244Pu ausgelegt. In Entwicklung befinden sich Verfahren für in-situ 14C, 41Ca und 53Mn. Darüber hinaus betreibt die Arbeitsgruppe ein spezialisiertes Edelgaslabor für die Messung kosmogener Edelgase (3He, 21Ne, 78,81Kr).
Im Rahmen wissenschaftlicher Kooperationen bereitet die Arbeitsgruppe auch Proben externer Nutzerinnen und Nutzer für die Analyse am CologneAMS ↗ auf.
Anwendungen
Am CologneAMS analysiert unsere Arbeitsgruppe routinemäßig 10Be, 26Al, 36Cl sowie 239, 240, 244Pu. Ergänzend kommen kosmogene Edelgase, insbesondere 21Ne und 78,81Kr, zum Einsatz. Sie bilden die Grundlage für zentrale Anwendungen in der Erdoberflächenforschung:
Expositionsdatierung
Mit der Expositionsdatierung lässt sich das Alter geologisch entstandenen Oberflächen bestimmen, etwa von Gletscherschliffen, Moränen, Flussterrassen, Bergstürzen oder Lavaflüssen. Voraussetzung ist, dass die Oberfläche seit ihrer Entstehung weitgehend stabil blieb und weder durch Erosion modifiziert noch durch zwischenzeitliche Bedeckung, etwa durch Schnee oder Bodenbildung, wesentlich vom Einfluss kosmischer Strahlung abgeschirmt wurde. Alternativ müssen Erosionsrate oder zwischenzeitliche Bedeckung durch unabhängige Beobachtungen bekannt sein. Ein gutes Verständnis der geomorphologischen Situation sowie eine sorgfältige Beprobung sind essentiell, da Fehler später analytisch nicht korrigiert werden können.
Geeignete Materialen sind unter anderem Quarz (10Be, 14C, 21Ne, 26Al), Feldspat (36Cl), Karbonate (36Cl), Olivin & Pyroxen (3He, 21Ne), Basalt (36Cl) und Zirkon (78,81Kr). Der maximale Datierungszeitraum beträgt etwa drei Halbwertszeiten, also ca. 4.5 Ma für 10Be, 2.1 Ma für 26Al und 900 ka für 36Cl. Für stabile Edelgase (3He, 21Ne, 78Kr) gibt es keinen solchen Maximalzeitraum; in geologisch außerordentlich stabilen Landschaften, etwa der Atacama-Wüste oder der Antarktis, können daher Expositionsalter von mehreren 10 Ma bestimmt werden.
Bedeckungsalterdatierung
Unterschiedliche Zerfallsraten kosmogener Radionuklide ermöglichen es zu bestimmen, wie lange ursprünglich exponierte Sedimente durch Bedeckung vor kosmischer Strahlung abgeschirmt waren, sofern das ursprüngliche Nuklidverhältnis bekannt ist. Typische Anwendungen sind z.B. eingespülte Höhlensedimente, Sedimente im unteren Teil einer mehr als 3 m mächtigen Ablagerung sowie klastische lakustrine Sedimente.
Für terrestrische Proben wird meist das Nuklidpaar 26Al/10Be in Quarz verwendet, da dessen Produktionsratenverhältnis bekannt und in der Regel annähernd konstant ist. Der geeignete Altersbereich für 26Al/10Be liegt bei 300 ka bis 4,5 Ma. Seit kurzem steht zudem das Nuklidpaar 81Kr/78Kr in Zirkon für den Altersbereich von ca. 50 ka bis 1 Ma zur Verfügung.
Erosionsratendatierung
Die Konzentration kosmogener Nuklide in Erdoberflächen hängt von ihrer Erosionsrate ab. Repräsentative Sedimente aus einem Einzugsgebiet können daher genutzt werden, um die mittlere Erosionsrate abzuschätzen. Voraussetzung ist, dass die Erosion langanhaltend und gleichförmig verläuft. Für diese Anwendung wird meist 10Be in Quarz verwendet.
„Langanhaltend“ beschreibt dabei den Zeitraum, der nötig ist, um mehr als 50 cm Gestein abzutragen.
„Gleichförmig“ bedeutet, dass die Erosionsrate über diesen Zeitraum weitgehend konstant bleibt.
Messbare Nuklide
Die folgenden Abschnitte geben einen Überblick über die wichtigsten Eigenschaften der einzelnen Nuklide, ihre Targetminerale und ihre Anwendung in der Erdoberflächenforschung:
Kosmogenes Beryllium (¹⁰Be)
Beryllium besitzt ein stabiles Isotop (9Be) und zwei kosmogene Radionuklide (7Be, T1/2 = 53 Tage; 10Be, T1/2 = 1.39 Ma). Aufgrund seiner langen Halbwertszeit, ist 10Be besonders gut für geologische Anwendungen im Quartär und Pliozän geeignet. Es wird in oberflächennahen Gesteinen und Mineralen vorwiegend durch Spallationsreaktionen an Sauerstoff gebildet.
Da 10Be auch in der Atmosphäre entsteht, ist die Trennung der atmosphärischen von der in-situ gebildeten Komponente bei der Probenaufbereitung zentral. Für in-situ-Anwendungen wird daher überwiegend Quarz als Targetmineral verwendet, da sich die atmosphärische Komponente aus anderen Mineralen nur schwer quantitativ entfernen lässt. Die atmosphärische Komponente, sogenanntes meteorisches 10Be kann wiederum zur Datierung feinkörniger Sedimente genutzt werden (ca. 1 bis- 14 Ma).
Beschreibungen der 10Be Probenaufbereitung und Messungen in Köln sowie Vergleiche zu anderen Laboren finden Sie in:
| • Binnie et al. (2015): Separation of Be and Al for AMS using single-step column chromatography. Nuclear Instruments and Methods in Physics Research B, 361, 397–401. DOI: 10.1016/j.nimb.2015.03.069. |
| • Binnie et al. (2018): Preliminary results of CoQtz-N: A quartz reference material for terrestrial in-situ cosmogenic 10Be and 26Al measurements. Nuclear Instruments and Methods in Physics Research B, 456, 203–212. Doi: 10.1016/j.nimb.2019.04.073. |
Kosmogenes Neon (²¹Ne)
Neon besitzt drei stabile Isotope 21Ne, 22Ne und 20Ne, welche alle durch Spallationsreaktionen an Silizium, Magnesium und Aluminium gebildet werden. Zur Quantifizierung von Erdoberflächenprozessen wird die Konzentration des seltensten Ne-Isotops, 21Ne, bestimmt, das nur etwa 0.3% des atmosphärischen Neons ausmacht. Die simultane Messung von 20Neund 22Ne ermöglicht die genaue Bestimmung des kosmogen produzierten Anteils 21Necos.
Als Targetmineral wird überwiegend Quarz verwendet, da er häufig, verwitterungsbeständig und chemisch einfach aufzubereiten ist; Silizium ist dabei das einzige Targetnuklid. Kosmogenes Neon eignet sich besonders für die Expositionsdatierung alter Oberflächen (>1 Ma). In Kombination mit 10Be kann 21Ne zudem für Bedeckungsalterdatierungen jenseits von 4,5 Ma genutzt werden.
Beschreibungen der 21Ne Probenaufbereitung und Messungen in Köln sowie Vergleiche mit anderen Laboren finden Sie in:
| • Ritter et al. (2021): Technical Note: Noble gas extraction procedure and performance of the Cologne Helix MC Plus multi-collector noble gas mass spectrometer for cosmogenic neon isotope analysis. Geochronology, 3, 421–431. DOI: 10.5194/gchron-3-421-2021. |
| • Figures: 7–9 in Györe et al. (2021): New System for Measuring Cosmogenic Ne in Terrestrial and Extra-Terrestrial Rocks. Geosciences, 11(8), 353. DOI: 10.3390/geosciences11080353. |
Kosmogenes Aluminium (²⁶Al)
Aluminium besitzt ein stabiles Isotop (27Al) und ein kosmogenes Radionuklid (26Al, T1/2 = 700 ka). In geologischen Anwendungen wird 26Al häufig gemeinsam mit 10Be verwendet, da diese Kombination die Erkennung komplexer Expositionsgeschichten ermöglicht und die Grundlage der klassischen Bedeckungsalterdatierung bildet.
26Al entsteht in oberflächennahen Silikaten hauptsächlich durch Spallationsreaktionen an Silizium. Eine nennenswerte Produktion in der Atmosphäre existiert nicht. Für die Messung wird fast ausschließlich Quarz verwendet, da hohe Gehalte an stabilem Aluminium (>100 ppm), wie sie in anderen Silikaten häufig vorkommen, die AMS-Analyse erschweren. Die Bestimmung der 26Al-Konzentration erfordert zudem eine genaue Messung des stabilen 27Al.
Beschreibungen der 26Al Messungen in Köln sowie Vergleiche mit anderen Laboren finden Sie in:
| • Binnie et al. (2015): Separation of Be and Al for AMS using single-step column chromatography. Nuclear Instruments and Methods in Physics Research B, 361, 397–401. DOI: 10.1016/j.nimb.2015.03.069. |
| • Binnie et al. (2018): Preliminary results of CoQtz-N: A quartz reference material for terrestrial in-situ cosmogenic 10Be and 26Al measurements. Nuclear Instruments and Methods in Physics Research B, 456, 203–212. DOI: 10.1016/j.nimb.2019.04.073. |
Kosmogenes Chlor (³⁶Cl)
Chlor besitzt zwei stabile Isotope (35Cl und 37Cl) und ein kosmogenes Radionuklid (36Cl, T1/2 = 300 ka). 36Cl wird in oberflächennahen Gesteinen und Mineralen vor allem durch Spallationsreaktionen an Kalzium und Kalium sowie an Eisen und Titan gebildet. In chlorhaltigen Proben spielt zusätzlich die Produktion durch thermische Neutronen eine wichtige Rolle.
Da der Fluss thermischer Neutronen empfindlich auf Umweltbedingungen wie Feuchtigkeit reagiert und dadurch schwer vorhersagbar ist, sollten Proben idealerweise weniger als 10-20 ppm stabiles Chlor enthalten. Ein besonderer Vorteil von 36Cl ist, dass es als einziges kosmogenes Nuklid routinemäßig in Karbonaten gemessen werden kann. Bei der Probenaufbereitung ist neben der Entfernung chlorhaltiger Phasen durch Mineralseparation und chemische Laugung insbesondere die quantitative Entfernung von Schwefel wichtig, da 36S eine Interferenz bei der AMS-Messung darstellt.
Beschreibungen der 36Cl Probenaufbereitung und Messungen in Köln sowie Vergleiche mit anderen Laboren finden Sie in:
| • Mechernich et al. (2019): Carbonate and silicate intercomparison materials for cosmogenic 36Cl measurements. Nuclear Instruments and Methods in Physics Research B, 455, 250–259. DOI: 10.1016/j.nimb.2019.01.024. |
Kosmogenes Krypton (⁷⁸Kr, ⁸¹Kr)
Krypton ist das einzige Edelgas, das sowohl stabile Isotope (78Kr, 80Kr, 82Kr, 83Kr, 84Kr, 86Kr) als auch Radioisotope (81Kr, T½=229 ka, 85Kr T½=10,7 a) besitzt. 78Kr ist neben seinen kosmogenen und atmosphärischen Komponenten frei von geochemischen Interferenzen und unterscheidet sich damit wesentlich von 3He oder 21Ne. Alle Krypton-Isotope werden durch Spallationsreaktionen an Rubidium, Strontium, Yttrium, Zirconium und Niob gebildet.
Die simultane Messung aller Krypton-Isotope ermöglicht die genaue Bestimmung des kosmogen Anteils 78Krcos; 81Kr ist ausschließlich kosmogenen Ursprungs. Mögliche Targetminerale sind z.B. Zirkon, Xenotim und Columbit. Kosmogenes 78Kr ermöglicht die Bestimmung von Paleoerosionsraten in Sedimenten jeden Alters. Das Nuklidpaar 81Kr/78Kr eignet sich für Bedeckungsalterdatierungen zwischen ca. 50 ka und 1Ma. Die methodischen Grundlagen für terrestrische in-situ Anwendungen von kosmogenem Krypton wurden in Köln entwickelt.
Informationen zur Methodik, zur Krypton Probenaufbereitung und zu Messungen in Köln finden Sie in:
| • Dunai et al. (2022): In situ-produced cosmogenic krypton in zircon and its potential for Earth surface applications. Geochronology, 4, 65–85. DOI: 10.5194/gchron-4-65-2022. |
| • Dröllner et al. (2026): Ancient landscape evolution tracked through cosmogenic krypton in detrital zircon. PNAS, 123(3), e2516058122. DOI: 10.1073/pnas.2516058122. |
Fall-out Plutonium (²³⁹Pu, ²⁴⁰Pu, ²⁴⁴Pu)
Zusammen mit anderen anthropogenen Radionukliden, wie z.B. 90Sr und 137Cs, wurde Plutonium bei den atmosphärischen Atombombentests der 1950er und frühen 60er Jahre freigesetzt und weltweit als Fallout abgelagert. Die Anwendung von Fallout Plutonium in der Bodenkunde ist im Wesentlichen mit der von 137Cs vergleichbar, bietet jedoch Vorteile.
Plutonium wird bei Reaktorhavarien, z.B. Tschernobyl, nicht weiträumig verbreitet. Dadurch ist das Bomben-Fallout-Signal von Pu in Europa weitgehend unverfälscht erhalten, während dies für 137Cs nicht gilt. Die beschleunigermassenspektrometrische Bestimmung der Pu-Isotopenhäufigkeiten ermöglicht zudem sowohl die Bestimmung der Pu-Quelle als auch die Analyse kleinster Probenmengen.
Beschreibungen der Plutonium-Probenaufbereitung und Messungen in Köln sowie Vergleiche mit anderen Laboren finden Sie in:
| • Dittmann et al. (2019): ColPuS, a new multi-isotope plutonium standard for accelerator mass spectrometry. Nuclear Instruments and Methods in Physics Research B, 438, 189–192. DOI: 10.1016/j.nimb.2018.04.032. |
| • Mohren et al. (2025): Plutonium concentrations link soil organic matter decline to wind erosion in ploughed soils of South Africa. Biogeosciences, 22(4), 1077–1094. DOI: 10.5194/bg-22-1077-2025. |
Probenpräparation und externe Nutzer
Die Arbeitsgruppe Erdoberflächenprozesse und kosmogene Nuklide ↗ betreut im Rahmen der CologneAMS extern präparierte AMS-Targets auswärtiger Nutzerinnen und Nutzer von der Annahme bis zum Datenreport. Für Informationen zur Annahme von AMS-Targets kontaktieren Sie bitte Barbara Bock (PhD).
Die Probenpräparation ist derzeit durch eigene Projekte in der Grundlagenforschung weitgehend ausgelastet. Im Rahmen wissenschaftlicher Kooperationen bereitet die Arbeitsgruppe jedoch auch Proben externer Nutzerinnen und Nutzer für die Analyse am CologneAMS auf.
Unsere Labore, von Standardlaboren bis hin zu Reinraumlaboren der ISO-6-Klasse, sind für die Präparation terrestrischer Proben zur 10Be-, 26Al-, 36Cl- und 239, 240, 244Pu-Analyse ausgelegt. Das Edelgaslabor ist auf die Analyse kosmogener Edelgase in festen terrestrischen Proben spezialisiert.
Für Fragen zu möglichen wissenschaftlichen Kooperationen kontaktieren Sie bitte Prof. Dr. Tibor Dunai (alle Nuklide), Dr. Steven Binnie (Radionuklide; Fallout Pu) oder PD Dr. Benedikt Ritter-Prinz (Neon, meteorisches 10Be).
Informationen zu Bearbeitungszeiten und Probenannahme
Barbara Bock, PhD
+49 221 470 91044
bbock(at)uni-koeln.de
Leitung der Arbeitsgruppe Kosmogene Nuklide
Prof. Dr. Tibor Dunai
+49 221 470 3229
tdunai(at)uni-koeln.de
Laborleitung Kosmogene Nuklide
Dr. Steven Binnie
+49 221 470 89831
sbinnie(at)uni-koeln.de
Laborleitung Kosmogene Nuklide
PD Dr. Benedikt Ritter-Prinz
+49 221 470-91045
benedikt.ritter(at)uni-koeln.de
Weiterführende Literatur
- Balco and Rovey (2008): An isochron method for cosmogenic nuclide dating of buried soils and sediments. American Journal of Science, 308, 1083–1114. DOI: 10.2475/10.2008.02.
- Dunai (2010): Cosmogenic Nuclides: Principles, Concepts and Applications in the Earth Surface Sciences. Cambridge University Press, Cambridge, 187 p.
- Gosse and Phillips (2001): Terrestrial in situ cosmogenic nuclides: theory and applications. Quaternary Science Reviews, 20, 1475–1560. DOI: 10.1016/S0277-3791(00)00171-2.
- Granger (2006): A review of burial dating methods using ^10Be and ^26Al. In: Siame, Bourlès and Brown (Eds), In situ-produced cosmogenic nuclides and quantification of geological surfaces. GSA Special Paper 415, 1–16. DOI: 10.1130/2006.2415(01).
- Granger and Riebe (2007): Cosmogenic nuclides in weathering and erosion. In: Treatise on Geochemistry. Elsevier, Amsterdam, Chapter 5.19, 11–43. DOI: 10.1016/B978-008043751-4/00238-8.
- Niedermann (2002): Cosmic-ray-produced noble gases in terrestrial rocks: dating tools for surface processes. Reviews in Mineralogy and Geochemistry, 47, 731–784. DOI: 10.2138/rmg.2002.47.16.
- von Blanckenburg (2005): The control mechanisms of erosion and weathering at basin scale from cosmogenic nuclides in river sediments. Earth and Planetary Science Letters, 237, 462–479. DOI: 10.1016/j.epsl.2005.06.030.